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Radonstollen

Anläßlich einer Rehabehandlung im benachbarten Kurstädtchen beschäftigte ich mich erstmals mit den Kureinrichtungen. Bisher war mir das alles ziemlich egal, ich war ja gesund.

Bei den Therapieangeboten fiel mir der "Radonstollen" auf. Dort soll eine besondere Atemluft mit einer "absolut ungefährlichen Konzentration des radioaktiven Gases Radon" bestehen, durch die "das Immunsystem aktiviert wird".

Edelgas

Radon ist ein Edelgas. Edelgase sind chemisch (bis auf wenige wirklich extreme Fälle) inert, d.h. sie reagieren mit nichts. Ein Edelgas in der Atemluft wird ein- und wieder ausgeatmet. Die einzige schädliche Wirkung von Edelgasen auf den menschlichen Körper ist, dass man bei einem zuviel erstickt, aber das tut man auch beim Hauptbestandteil unserer Luft, Stickstoff. Also nichts besonderes.

Von den chemischen Eigenschaften her dürfte Radon also keinerlei Wirkung auf den menschlichen Körper hervorrufen.

Radioaktivität

Radon ist allerdings, wie der Name schon vermuten läßt, radioaktiv. Die Stadt wiegelt mit den Worten "absolut unschädliche Konzentration" ab. Auf der anderen Seite passiert ja offenbar doch etwas.

Ein Blick in die physikalischen Eigenschaften verrät uns, dass das Element mit der Ladungszahl 86 zu 90% aus dem Isotop mit der Massenzahl 222 besteht. Da es das Zerfallsprodukt von Radium (226) ist, dürfte der Anteil sogar zu 100% aus Radon 222 bestehen.

Radon 222 zerfällt mit einer Halbwertszeit von knapp 92 Stunden per Alpha-Zerfall zu Polonium 218. Bei einer Behandlungsdauer von 20-30 Minuten zerfällt also ca. 0,4-0,5% des eingeatmeten Radons im menschlichen Körper. (Nach dem Verlassen des Stollens enthält der Körper natürlich für ein paar Minuten immer noch Radon, das gleicht sich allerdings mit der Tatsache aus, dass beim Betreten der Radonspiegel zunächst erst aufgebaut werden muss).

Radon-Zerfallsprodukte sind gefährlich, sogar so gefährlich, dass es in der Wikipedia dazu einen eigenen Artikel gibt.

Die meisten Zerfallsprodukte sind Alpha-Strahler. Alpha-Strahlen sind üblicherweise recht harmlos. In freier Luft kommen die Strahlen nicht weiter als wenige Zentimeter, ehe sie versiegen. Kleidung, sogar ein Blatt Papier hält die Strahlung vollständig auf. Auch die Haut blockt Alpha-Strahlung in ihren obersten Schichten, die regelmäßig abschuppen.

Bein Inkooperation jedoch wirkt Alpha-Strahlung direkt auf die inneren Organe, bei Inhalation wird unser Radon im ganzen Körper verteilt und kommt überall hin.

Wir haben hier also eine wahre Kaskade der radioaktiven Zerfälle zu tun, teilweise Schwermetalle, die sich gut im Körper anlagern. Und das meiste sind Alpha-Strahler, teils auch Beta-Strahler die für den Körper genauso verheerend wirken.

Alles eine Frage der Dosis

Die Zerfälle erzeugen sogenannte freie Radikale. Das heißt, sie knacken die chemischen Verbindungen in unserem Körper. In schweren Fällen nennt man das "Strahlenkrankheit". In geringen Dosen wird auf jeden Fall das Immunsystem eingeschaltet, das mit dem auf diese Weise entstehenden Organmüll fertig werden und ihn beseitigen muss. Die Sache mit dem Immunsystem wird von den Kurbädern als der therapiewirksame Faktor angegeben. Es kann allerdings niemand vorhersagen, wo im Körper welche Zelle wie geschädigt wird.

Unser Körper ist auf Schädigungen eingestellt und kann bei Bedarf ordentlich aufräumen. Das Problem ist leider, dass man bei Radioaktivität nur mit statistischen Zahlen arbeiten kann. Wenn also eine bestimmte Strahlenbelastung das statistische Risiko, an Krebs zu erkranken, um einen bestimmten Wert erhöht, weiß ich als einzelner natürlich nicht, ob es mich erwischen wird oder nicht.

Radontherapie

Die Auswirkungen einer niedrig dosierten Radontherapie sind schlicht und einfach noch gar nicht erforscht. Von daher ist es in meinen Augen mehr als fahrlässig, mit "absolut unschädlichen Dosen" zu werben. Natürlich ist auch nichts von einer großen Sterbewelle nach Radonkuren bekannt, aber jede(r) sollte sich vor solchen Therapien zunächst einmal beraten lassen. Vielleicht gibt es auch andere Verfahren, das aktuelle Leiden zu kurieren als ausgerechnet mit Radioaktivität. Immerhin ist die Radontherapie

  • verschreibungspflichtig
  • nicht für Schwangere zugelassen
  • nicht für Kinder zugelassen.

Offensichtlich sind dem Gesetzgeber bzw. der Medizin manche Risiken bekannt. Deswegen werden zwei Personengruppen von der Therapie ausgeschlossen. Man weiß wohl nicht warum, aber sicherheitshalber. Nehme ich jedenfalls an.

Das Risiko muss jede(r) für sich selbst abschätzen. Belastungsfähiges Zahlenmaterial gibt es leider nicht. Wenn jetzt jemand z.B. unter Morbus Bechterew große Schmerzen und Einschränkungen erleidet und auch Medikamente nicht helfen, wird die- oder derjenige ein Risiko sicher gern in Kauf nehmen. Hoffentlich erst, nachdem alle anderen Wege ausprobiert wurden.

Seriös wäre es natürlich, würde die Medizin sich um belastbare Zahlen bemühen. Langzeitstudien in größeren Patientengruppen zum Krebsrisiko sollte das mindeste sein, was man als Patient erwarten darf. Ansonsten sind wir doch hierzulande sehr kritisch, was Radioaktivität angeht.

 

 

 

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