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Die Wahrheit über Ökostrom

Heutzutage gehört es zum guten Ton, einen ökologischen Touch zu zeigen. Wir fahren ein 3-Liter-Auto (Hubraum natürlich, nicht Verbrauch) mit irgendeinem "Öko-Label" und lügen uns was in die eigene Tasche. Zum Öko-Gedöhns gehört natürlich auch, dass wir "grünen Strom" beziehen. Dann ist es nicht mehr ganz so schlimm, dass viele Elektrogeräte rund um die Uhr durchlaufen (Fernseher im Stand-By-Modus, Internetrouter, ...) etc. Schon mal nachgeschaut, ob beim Verlassen der Wohnung der Stromzähler wirklich steht? Also steht, sich nicht mehr laaaangsam dreht. Das geht nicht? Doch, natürlich, man muss nur wollen. Verbrauchsvermeidung ist ein anderes Thema, hier geht es um Ökostrom.

Der Anbieter verspricht Energie aus "100%" regenerativen Quellen. Ein früherer Klassenkamerad hat eine Mühle erworben, der erzeugt seinen eigenen Strom und hat sogar so viel davon, dass er ihn verkaufen kann. Otto Normalbürger hat allerdings in der Regel kein eigenes Kraftwerk. Photovoltaik ist für die Eigenheimbesitzer eine Chance, die Herstellung der Solarmodule ist allerdings äußerst energieintensiv, so dass die Bilanz erst nach über 10 Jahren positiv wird. Letztendlich ist die Photovoltaik nur durch die steuerliche Förderung attraktiv. (Zitat meines Wirtschaftsprofessors: "Bei den meisten Deutschen ist der Steuerspartrieb stärker ausgeprägt als der Fortpflanzungstrieb".) Aber immerhin. Wir tun was.

Alle anderen müssen ihren Ökostrom einkaufen. Zum Glück gibt es dazu die passenden Angebote. Wirklich?

Strom ist anonym, man sieht ihm seine Herkunft nicht an.

Das Stromnetz ist anonym. Die Erzeuger speisen ein, die Abnehmer entnehmen. Es gibt keine dedizierte Leitung von meinem oben erwähnten Klassenkameraden zu mir. Ich muss nehmen, was aus der Steckdose kommt. Die hin- und herschwingenden Elektronen sind nicht unterscheidbar.

Das Ökostrom-Prinzip

Das Ökostromprinzip funktioniert anders: Mein Versorger erzeugt Strom und handelt Strom mit anderen Versorgern und Erzeugern. Ich schließe mit einem Versorger einen Vertrag, dass er für mich eine bestimmte Menge regenerativer Energie besorgt. Ich habe folglich keinen Einfluß auf die "Art" des Stroms, vielmehr habe ich Einfluß auf den Ökostromanteil meines Versorgers. Wenn das alle Kunden tun und der Ökostromanteil des Versorgers bei sagen wir mal 10% liegt, muss er folglich diesen Anteil selbst erzeugen oder woanders einkaufen und sich selbst rückversichern. Überprüfen lässt sich das für mich nicht, Vertrauen ist gefragt.

In einem interessanten Telepolis-Artikel ("Drei unbequeme Wahrheiten") erfährt man, wie das funktioniert. Der Versorger schließt einen Vertrag mit einem ausländischen Produzenten, der Ökostrom erzeugt, z.B. aus Wasserkraft. In Nordeuropa gibt's davon jede Menge. Um nun keine Kraftwerke stilllegen zu müssen und um das Stromnetz nicht zu überlasten, kauft der dortige Erzeuger die gleiche Menge Kernenergie zurück. In der Summe fließt folglich überhaupt kein Strom zwischen dem fernen Kraftwerksbetreiber und meinem Anbieter. Es handelt sich um ein reines Rechenmodell.

Die Absurdität des Ganzen erkennt man in folgendem Gedankenmodell. Angenommen, eines der mir benachbarten Kraftwerke, z.B. Biblis oder Cattenom geht hoch. Dann sitze ich trotz 100%-Ökostromanteil im dunklen. Unsere nordeuropäischen Nachbarn, die rechnerisch, aber ansonsten völlig unbewußt deutsche oder französische Kernenergie beziehen, merken davon natürlich nichtst. In Nordeuropa denkt kein Mensch daran, dass die dort erzeugte saubere Energie hinter den Kulissen gegen "schmutzige" Kernenergie getauscht wird.

Zertifikate verschleiern die Herkunft

Die Verschleierung wird mittels sogenannter RECS-Zertifikate (Renewable Energy Certificate System) erreicht. Das Zertifikat garantiert nicht, dass ich regenerativen Strom beziehe. Vielmehr garantiert es lediglich, dass irgendwo in Europa eine bestimmte Menge Strom aus regenerativen Quellen hergestellt wird und dass mein Versorger, der damit wirbt, am Verrechnungsmodell teilnimmt.

So lange sich in Europa im Wesentlichen nur ein Teil der deutschen Bevölkerung für regenerativ erzeugten Strom interessiert und es dem Rest Europas furzegal ist, haben wir in Europa ein Überangebot an regenerativer elektrischer Energie. Deshalb ändert mein spezieller Vertrag mit meinem Anbieter überhaupt nichts an der Situation. Irgendwelche Leute verdienen sich durch den Handel mit den Zertifikaten eine goldene Nase - mehr passiert nicht. Das System würde erst dann sinnvoll, wenn die regenerativ erzeugte Strommenge kleiner der von den Kunden geforderten Menge wäre. Erst müssten die Erzeuger neue Quellen auftun und blieben auf ihren "schmutzigen" Produkten sitzen, müssten also Anlagen stilllegen.

Noch schlimmer: Da hierzulande (und i.W. nur hierzulande!) intensiv in den Ausbau regenerativer Energien investiert wird, ergibt sich für die ausländischen Stromproduzenten überhaupt kein Anreiz, mitzumachen. RECS ist in meinen Augen eher eine Bremse für den weiteren Ausbau der regenerativen Energien.

Was bedeutet dies für mich als Verbraucher?

Wenn ich als Verbraucher einen "Ökostrom"-Tarif abschließe, heißt das in den meisten Fällen nur, dass über den Zertifikatehandel jemand anderer mitverdient. Mehr nicht.

Ich muss mir meinen Vertrag genau anschauen. Wenn mein Anbieter seine regenerative Energie lediglich in Form von RECS-Zertifikaten anbietet, beziehe ich weder Ökostrom, noch tue ich etwas für die Umwelt.

Wenn mein Versorger wenigstens bestimmte Label aufweist, z.B. "ok-power", "Grüner-Strom-Label", kann ich wenisgstens sicher sein, dass ein Teil meines Rechnungsbetrags für Investitionen im Bereich regenerativer Energien verwendet wird.

Alles andere ist Augenwäscherei.

Was tun?

Ich möchte um Himmels willen niemanden davon abhalten, einen Ökostrom-Tarif abzuschließen. Einfach um ein Zeichen zu setzen, ist das erforderlich. (Sonst kommen wir irgendwann in eine Diskussion, dass eh' keiner regenerative Energie will.) Jeder, der einen solchen Tarif abschließen möchte, sollte sich allerdings über die Hintergründe informieren und einen geeigneten Anbieter wählen. RECS-zertifiziert reicht nicht. Jeder Stromabnehmer sollte allerdings auch einmal seinen individuellen Verbrauch unter die Lupe nehmen. Nicht benötigter Strom ist noch umweltfreundlicher als Ökostrom.

Siehe auch

Spiegel-Artikel: Stromanbieter verkaufen Atomstrom als Ökostrom

Telepolis-Artikel: Die Ökostrom-Lüge

Greenpeace-Studie (pdf, 360KB)

 

 

 

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